Die Phantasie bietet Raum und Rahmen
Dr. Dagmar Luther-Zahn im Portrait
Von Wolfgang Braun
Siebenstern (WB). Die promovierte Geologin Dagmar Luther-Zahn (52) erobert seit einigen Jahren mit ihren Büchern eine immer größer werdende Leserschaft nicht nur in der Region. Denn sie verbindet ein beeindruckendes erzählerisches Talent mit Lebensphilosophie, Lebenserfahrung und Lebensbejahung.
Meisterhaft entwirft sie beispielsweise in »Das alte Bild vom Weissensande« ein
Seelen-Labyrinth, in dem die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit fließend
werden. Im Mittelpunkt steht ein Ölgemälde eines verträumten
Schlosses, in dessen Atmosphäre sich die von der Brutalität
und Oberflächlichkeit ihrer Schüler verängstigte Lehrerin
Eva-Marie hineinphantasiert. Sie wird vom Sog einer jenseitigen Welt,
in der sie einen Mord begeht, verschlungen, dann aber zu einem Erleben
und Fühlen in ganz anderen Dimensionen fähig. In dem kunstvoll
gesponnenen System von Handlung und Rahmenhandlung, von Rückblicken
und Reflexionen behält die Autorin die Zügel fest in der Hand.
Sie öffnet dem Leser Einblicke in verborgene Winkel der Seele, in
tief gehende Gedanken über Gut und Böse, Schuld und Schicksal,
und eine fast mystische Liebe als Grundlage des Miteinanders. Es ist ein
Buch, das Menschen in Entscheidungssituationen zeigt, das an Abgründe
führt und zur eigenen Positionsbestimmung einlädt: »Wie
gehe ich mit meinen Verletzungen, meiner Einsamkeit, meinen Sehnsüchten
um?« sind Fragen, die der Leser sich stellt.
Mit dem Veröffentlichen begonnen hatte die Geologin, die vor 14 Jahren
nach Pensionierung ihres Mannes Heinz Leo Zahn, einem Maschinenbauingenieur,
nach Siebenstern ins Egge-Vorland zog und auch für den Egge-Gebirgsverein
geologische Wanderwege anlegte, als sie für die Jahrtausendwendefeier
das Siebensterner Ortsmärchen »Das Jahrtausend-Steinmännlein« schrieb.
Es wurde prompt abgedruckt und ist jetzt enthalten in dem Geschichten-Band »Am
Kamin bei Kerzenlicht«. »Mein Mann und ich bauen uns eine
alte Mühle im Torfmoor bei Lübbecke aus. Im Herbst 2003 saß ich
dort am Kamin, die Müh-lentreppe knarrte, der Wind heulte und plötzlich
war meine Lust am Fabulieren aus meiner Kindheit wieder wach. Ich begann,
Geschichten für Weihnachten zu schreiben«, erinnert sie sich
an den Moment, an dem sich die »Schublade« - wie sie sagt
- öffnete.
Sie war danach außerordentlich produktiv: Nach »Am Kamin bei
Kerzenlicht« (2004) erschienen 2005 der bemerkenswerte Erzählband »Zwischen
Licht und Schatten« und 2006 neben »Das alte Bild von Weissensande« das
Jugendbuch »Marvin und die Schätze der Erde«. Hier führt
die Wissenschaftlerin - sie hatte nach ihrem Diplom für den Ruhrgebiets-Steinkohlebergbau
in der Forschung gearbeitet - Jungen und Mädchen in unterhaltsamer
Form in die Wunderwelt der Mineralien ein. Sie entwickelt erzählend
damit gewissermaßen ein Kontrastprogramm zur Welt der Computerspiele,
Handys, Markenklamotten und einer überhitzten Konsumgier, die sie
auch in den anderen Erzählungen immer wieder kritisch beleuchtet.
Einen ganzen Aktenschrank füllen die Foto-Text-Dokumentationen, die
bei den Exkursionen der freiberuflich arbeitenden Geologin in Deutschland
und der Schweiz entstanden sind. »Das ist ein Erlebnisschatz, auf
den ich zurückgreifen kann«, zeigt die Autorin stolz die säuberlich
katalogisierten Bände. Ihre wunderbar stimmungsvollen Natur- und
Landschaftsschilderungen, die allein schon ihre Erzählungen zu einem
Genuss werden lassen, haben hier ihren Ausgang.
Sie greift bei dem »Erfinden« ihrer Geschichten auf biographisches
Material ebenso zurück wie auf Erlebnisse von Freunden und Bekannten,
auf aktuelle Themen wie Machenschaften im Sport, Drogensucht oder wachsende
Gewaltbereitschaft. »Zwei Seiten der Medaille« in »Zwischen
Licht und Schatten« erzählt von der Sportlerin Cosima, die
kriminelle Praktiken im Sport aus der Bahn zu werfen drohen. Dagmar Luther-Zahn
war in ihrer Jugend selbst Leistungssportlerin und schöpft aus eigener
Anschauung. »Aber das sind alles nur Mosaiksteine, Fragmente. Daraus
muss ein stimmiges Neues werden. Ich bin ein Mensch, der sich über
das Woher, das Sein und das Wohin Gedanken macht. Deshalb schreibe ich
auch, um beim Leser Seelenverwandtschaften zu suchen«, sagt die
eigenwillige, über den Konfessionen stehende Christin. Sie taucht,
wie Eva-Marie in »Das alte Bild von Weissensande«, in Traumwelten
ein. Aber: »Meine Phantasie hilft mir, Dinge in eine neu logische
Ordnung zu bringen. Sie bietet mir Raum, aber setzt auch den Rahmen.«
Jeder, der beim Lesen einmal gern die Seele baumeln lassen, der - wie
ein Geologe tief unter der Oberfläche - nach Schätzen schürfen
und sich zum Nachdenken anregen lassen möchte, ist bei den mit exzellenter
Spannungsregie komponierten Büchern von Dagmar Luther-Zahn an bester
Adresse.
WESTFALEN-BLATT vom 28.11.2006
